Nackt unter Fremden
39 Grad, heißer Wind, Grillen zirpen, die Luft schwer vom Geruch heißen Holzes der Pinienbäume, das Meer hat wohlige 23 Grad – Frankreich an der Altantikküste. Es ist Juli, es ist heiß und Kleidung zu tragen macht schlichtweg einfach keinen Sinn. Gut, dass wir es hier nicht müssen…
Wie jeden Sommer seit 5 Jahren fahre ich mit meinem Partner und seiner Familie an die Atlantikküste ins Naturist-Camping. Tausende Menschen allen Alters, Körperformen, Hautfarben, Generationen, Gesundheitszuständen, sozialer Schichten strömen in die Pinienwälder hinter den Dünen um so sein zu können, wie sie auf diese Welt gekommen sind: Nackt.
Vor meinem tantrischen Weg war es mir undenkbar so frei mit meinem Körper umzugehen. Mit ihm in Akzeptanz zu sein, in Frieden. Den Wind, die Sonne und das Meer in aller Freiheit auf meiner Haut zu spüren. Mir all die Wohltat und Sinnlichkeit zu erlauben, die mir die Natur schenken kann. Warum dem so war, erzähle ich genauer in meinem Artikel „Selbstliebe – gnadenlos (schön)“.
Für meinen Weg in diese körperliche Unbedarftheit bin ich sehr froh und die Freikörperkultur, die nichts mit tantrischen Mindset zu tun haben muss, hat mir auf mehreren Dimensionen zur Heilung meiner Verbindung Kopf und Körper und letztendlich auch zu einem größeren Verständnis für die Menschen um mich herum beigetragen. Sie hat es mir ermöglicht Körper zu Entsexualisieren, meine Mitmenschen zu Entkategorisieren und es schenkt mir eine körperliche Abbildung der Realität abseits von Social-Media-geprägten Schönheitsidealen.
Alles kann hier im Camping nackt von statten gehen: Menschen spielen Volleyball, machen Yoga, gehen einkaufen, in die Bar, ins Restaurant, an den Strand, machen Bastelarbeiten, spielen Musik – und es ist eine ganz normale Sache. Überall darf es wackeln, darf Cellulite zu sehen sein, Narben, Muskeln, hier ein Kilo–dort drei mehr, Haut die schon viele Jahre gelebt hat und hängen darf – an den unterschiedlichsten Stellen, Körperproportionen dürfen die unterschiedlichsten Ausprägungen haben. Und damit kommt ein tiefes Verständnis einher: So unterschiedlich unsere Körper sind, so unterschiedlich sind auch unsere Lebensrealitäten, Verhaltensweisen und Bedürfnisse.
Lange Zeit dachte ich, ich kann mich nur in meiner besten Form zeigen: „Ja im richtigen Winkel in eine Kamera schauen…“, „Bauch einziehen, Brust raus…“, „… schön die Hüfte eindrehen, das macht eine schlanke Taille…“.
Ein oder zwei Kilo zuviel mussten irgendwie kaschiert werden oder ich bin erst gar nicht ins Schwimmbad, ans Meer oder in die Sauna. Ich dachte ich muss „marktfähig“ und 24/7 attraktiv sein, dem Vergleich mit anderen, schlankeren, „schöneren“ Menschen standhalten. Manchen Dinge habe ich nicht gemacht, manche Posen nicht eingenommen, weil ich dachte das wäre unvorteilhaft oder unanständig. All das kreierte einen permanenten Druck, repräsentativ oder „anständig“ zu sein. Es kreierte eine Limitierung die zu 99 % nicht meine eigene war – und das nahm mir alle Freiheit, alle Freude und Unbeschwertheit an meinem Körper und am Leben selbst.
Heute weiß ich, dass ich einerseits einer Industrie auf den Leim gegangen bin, die uns schon in den 90er und heute noch viel schlimmer ein Körperbild als normal vorgaukelt, das kaum bis gar nicht zu erreichen ist. Andererseits weiß ich, dass soziale Normen mich im Rahmen des „braven, ehrenwerten Mädchens“ halten wollten. Hier im Camping genieße ich den Anblick dieser menschlichen Vielfalt an unterschiedlichsten Körpern, unterschiedlichster Realitäten und Geschichten. Ich fühle mich inspiriert in dem freien, wertfreien und entsexualisierten Umgang mit ihnen. Ich frage mich was all diese Menschen für eine Beziehung zu ihren Körpern haben, was sie schon damit erlebt haben, ob sie sich der Geschenke bewusst sind, die sie ihnen bereiten können. Ob ihnen bewusst ist, welches Wissen ihr Körper ihnen tagtäglich mit allen Zipperleins die man so haben kann vermitteln möchte. Und ich merke wie meine Augen in jedem Körper eine ganz individuelle, poetische Ästhetik finden, unwichtig wie alt, wie füllig oder schlank oder wie nahe am aktuellen Schönheitsideal oder auch nicht sie aussehen. Ich kann mich erinnern, dass mir das als Kind schon sehr einfach fiel: Die Schönheit in meinen Gegenübern zu erkennen.
Und so fühle ich mich in den Qualitäten, die ich in der Freikörperkultur erkenne, and die Qualitäten unserer tantrischen Räume oder Massagen erinnert: Egal wer mir gegenübersitzt, ich sehe den Menschen, die Geschichte, die Schönheit der Person in ihrer Ganzheit – und mache mein Herz auf. Losgelöst von allem Status, Alter, unterschiedlichem Mindset und Lebensrealitäten sind wir Menschen, nackt verletzlich, vergänglich. In der Freikörperkultur wie auch in tantrischen Räumen können alle Schichten urteilslos aufeinandertreffen, Dialog eröffnen, einen Einblick in die Welt des Anderen gewähren – manchmal in Welten, zu der man in unserer alltäglichen „Verkleidung“ vielleicht nie Zugang gefunden hätte. Das zeigt mir immer wieder aufs neue, wie wir in unserer Unterschiedlichkeit doch so ähnlich sind – und dass wir uns manchmal einfach ein bisschen nackig machen müssen um innere und äußere Blockaden zu überwinden. Wer hätte gedacht, dass in dieser Verletzlichkeit des Nacktseins soviel Stärke stecken kann. So viele Qualitäten, die wir durch all die Zwiebelschichten an Kleidung, Lebensart, sozialem Status manchmal überdecken.
Hier zu sein, nackt zu sein und so sehr in Verbindung mit der Natur um mich herum und meiner menschlichen Natur in mir drinnen zu sein, bringt mir Frieden mit mir selbst und anderen. Es bringt Verständnis, Empathie und am Ende: Liebe und Dankbarkeit für das, was ich mit meinem Körper, meinem Portal zu dieser Welt, erleben darf. Bald verlassen wir das Camping hier an der Küste wieder und wir müssen uns wieder einwickeln – ich bin jetzt schon im Widerstand. Gut dass wir nur den Campingplatz wechseln und wir danach noch ein paar Tage diese Freiheit genießen können.